Goldrausch der Tiefsee? Umwelt und Biodiversität schützen

Foto: Franz Mönke

Die Weltmeere befinden sich in einer historischen Krise. Sie sind erhitzt, versauert, übernutzt und leiden unter der Vermüllung durch Plastikmüll. Zusätzlich wird die Industrialisierung der Meere in Form von Ressourcenabbau, massiver Fischerei und zunehmender Schifffahrt weltweit vorangetrieben.  

Eine der aktuellsten Debatten, befasst sich mit dem Thema Tiefseebergbau. Das Versprechen der Bergbauindustrie:  die Rohstoffe der Tiefsee sollen wertvolle Metalle für die Digitalisierung und die Gesellschaft 4.0 sichern. In den Hintergrund geraten dabei längst überfällige politische Ziele, wie eine echte Kreislaufwirtschaft zu etablieren und den Rohstoffverbrauch weltweit endlich zu reduzieren.

Die Konsequenzen und aktuellen Entwicklungen des Tiefseebergbaus waren Thema im Öffentlichen Fachgespräch der grünen Bundestagsfraktion am vergangenen Montag in Berlin. Steffi Lemke (Sprecherin für Natur- und Meeresschutz) und Claudia Müller (Sprecherin für maritime Wirtschaft) luden Gäste von Nichtregierungsorganisationen, Wirtschaft, Wissenschaft und Behörden ein, um die Debatte auch im parlamentarischen Raum zu führen.

Urheber/in: petraboeckmann.de. (CC BY 4.0) Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Worum geht’s?

Der weltweite Verbrauch an Rohstoffen steigt weiter an, insbesondere die Nachfrage nach Metallen wie Lithium, Kupfer und Nickel für digitale Infrastruktur sorgt für eine gesteigerte Nachfrage. Rohstoffvorkommen befinden sich dabei jedoch zu großen Teilen in den Ländern des globalen Südens. Ihr Abbau ist mit großen ökologischen und sozialen Missständen verbunden. Die deutsche Wirtschaft ist fast zu 100% abhängig von Primärmetallimporten aus anderen Ländern. Rohstoffsicherheit stellt deshalb die wichtigste Priorität der deutschen Rohstoffpolitik dar (Quelle: Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe).

Am Boden der Tiefsee befinden sich uralte Strukturen die entsprechende Metalle enthalten. Manganknollen oder sogenannte Schwarze Raucher sind begehrte Ziele für Wirtschaftsinteressen, verbunden mit der Hoffnung auf die kommerzielle Gewinnung der in Ihnen enthaltenen Metalle und mehr Rohstoffunabhängigkeit. Menschenrechts- und Naturschutzorganisationen warnen unlängst vor den zerstörerischen Folgen des Abbaus. Viele Industrienationen haben sich bereits Explorationslizenzen bei der Meeresbodenbehörde gesichert. Deutschland besitzt eine Explorationslizenz für Schwarze Raucher im Indischen und eine für Manganknollen im Pazifischen Ozean. Der Wettlauf um die beste Technik und die Sicherung von Abbaulizenzen hat längst begonnen. Droht uns ein Goldrausch in der Tiefsee?

Foto: Franz Mönke

Gäste aus Papua Neu Guinea

Besonders bewegend war der Auftakt der Veranstaltung. Mit Christina Tony (Bismarck Ramu Group) und Reverend Jospeh Rodgers (PNG Council of Churches) berichteten zwei Aktivist*innen aus Papua Neu Guinea von ihren Kämpfen gegen den experimentellen Tiefseebergbau in der Bismarck See. 30 km vor der Küste Papua Neu Guineas soll im Herbst 2019 durch das kanadische Bergbauunternehmen Nautilus Minerals das erste kommerzielle Tiefseebergbauprojekt der Welt starten. Reverend Joseph beendete seinen Vortrag mit einem Gedicht und den Worten, dass Menschen in PNG keine Meerschweinchen sind mit denen Experimente gemacht werden dürfen, sondern für ihr Leben und das Leben zukünftiger Generationen weltweit gegen Tiefseebergbau eintreten.

Tiefseebergbau als Bedrohung für Menschenrechte und Artenvielfalt

Im Anschluss stellte Kai Kaschinski von Fair Oceans eine neu veröffentlichten Studie zum experimentellen Tiefseebergbau in der Bismarcksee vor. Die konkreten ökologischen und sozialen Konsequenzen reichen von Verschmutzung und Lärmbelastung der Ökosysteme über Vertreibung von Fischpopulationen (Fischerei ist eine der Haupteinnahmequellen) bis hin zur finanziellen Verpflichtung die Papua Neu Guinea mit dem Projekt eingegangen ist.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Frau Prof. Dr. Andrea Koschinsky-Fritsche (Jacobs University Bremen) bestätigen die immensen Auswirkungen von möglichen Tiefseebergbau-Projekten auf die Ökosysteme der Weltmeere. Prozesse in der Tiefsee sind völlig andere Zeitzyklen unterworfen. Manganknollen brauchen beispielsweise eine Million Jahre um nur fünf bis zwanzig Millimeter zu wachsen. Besonders illustrativ zeigte Prof. Koschinsky Bilder der DISCOL Mission, wo 1989 ein Bergbau in der Tiefsee mit einem Pflug simuliert wurde und 26 Jahre später immer noch die Spuren fast unverändert zu sehen waren. Diese Bilder werfen die Frage auf, wie Tiefseebergbau jemals im umweltverträglich funktionieren kann.

Foto: Franz Mönke

„If we cannot do it safe and sustainable, we will not do it at all“

Kommerziellen Tiefseebergbau umweltverträglich zu gestalten, das ist Ziel von Herrn Post und dem Verein Deep Sea Mining Alliance e.V. Er skizzierte die Pläne und Forderungen der deutschen und europäischen Wirtschaft zum Thema Tiefseebergbau. Einen besonderen Fokus legte er dabei auf die aus seiner Perspektive bestehenden Vorteile des Tiefseebergbaus gegenüber dem Landbergbau, mit seinen enormen Menschenrechtsverletzungen weltweit. Einblicke in die aktuell Vorhandenen Techniken, als auch politische Forderungen nach einer Roadmap und dringend notwendigen Pilot Mining Tests waren ein Thema. Überraschend war vor allem die Bewertung des experimentellen Tiefseebergbaus in der Bismarcksee. Aufgrund zu befürchtender ökologischer und sozialer Schäden würde das Projekt von Nautilus Minerals in PNG dem Tiefseebergbau öffentlich massiv Schaden. Die Deep Sea Mining Alliance hingegen ist überzeugt: “If we cannot do it safe and sustainable, we will not do it at all”. Es bleibt zu hoffen, dass dies trotz der erheblichen bereits getätigten Investitionen auch tatsächlich die Überzeugung der deutschen Wirtschaft bleibt.

Internationale Regeln für den Tiefseebergbau

Ob und wie Tiefseebergbau in internationalen Gewässern durchgeführt werden darf, darüber verhandelt die Internationale Meeresbodenbehörde in Jamaika. Für Deutschland nimmt an den Verhandlungen auch Hans Peter Damian vom Umweltbundesamt teil. Er berichtete von den Verhandlungen in Jamaika, mangelnder Transparenz und fehlenden Umweltstandards. Nichtdestotrotz werden erstmals in der Geschichte klare Regeln für die Ausbeutung von Rohstoffen geschaffen, bevor mit dem Abbau begonnen wird. Allerdings sieht Damian die Gefahr, dass die Erarbeitung der Regularien und Umweltstandards unterlaufen werde, durch die zunehmenden wirtschaftlichen Aktivitäten in nationalen Gewässern und den damit erhöhten Druck auf die Verhandlungen in Jamaika zum Abschluss zu kommen.

Foto: Franz Mönke

Viele offene Fragen, wenig parlamentarische Beteiligung

Im Anschluss an die Vorträge gab es eine gute und intensive Diskussion mit dem Publikum. Den Auftakt der Diskussion macht Marie-Luise Abshagen (Forum Umwelt und Entwicklung) mit einer Impulsantwort auf die vorangegangen Vorträge. Im Anschluss wird die Diskussion für alle anwesenden geöffnet. Viele Fragen haben die Vorträge der Referent*innen hervorgerufen. Welche Pläne gibt es für die deutschen Lizenzgebiete? Was geschieht mit den deutschen Lizenzen wenn die internationalen Regularien am Ende nicht den deutschen Umweltstandards entsprechen? Wie können die Aktivist*innen in Papua Neu Guinea in Ihrem Kampf gegen den experimentellen Tiefseebergbau unterstützt werden? Alle Fragen konnten nicht abschließend beantwortet werden. Für Grüne Politik ist jedoch klar, dass es mehr parlamentarische Beteiligung an den Prozessen geben muss. Bisher spielt das Thema Tiefseebergbau im Parlament fast gar keine Rolle. Dabei drohen wir, uns weitestgehend unbekannte Ökosysteme vollends zu vernichten und den Weltmeeren weiter zuzusetzen. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag wird an dem Thema Tiefseebergbau dran bleiben. Den Anfang hat die Fraktion mit dem Antrag zur Umsetzung des Nachhaltigen Entwicklungsziel 14 (Life Below Water) gemacht. Darin fordern wir die Bundesregierung auf, sich für Moratorien für die Öl und Gasförderung in den arktischen Gewässern sowie für den Tiefseebergbau einzusetzen. Wir bleiben dran!

Hier die Präsentationen unserer Referent*innen:

Christina Tony (Bismarck Ramu Group) – Bericht aus Papua Neu Guinea

Kai Kaschinski (Fair Oceans) – Experimenteller Meeresbodenbergbau in der Bismarcksee: Hintergründe, Folgen, Widerstand

Prof. Dr. Andrea Koschinsky (Jacobs Universität Bremen) – Gefahren des Tiefseebergbaus für die Biodiversität und Deutschlands Rolle

Johannes Post (Deep Sea Mining Alliance e.V.) Entwicklung, Pläne und Vorstellungen der deutschen und globalen Industrie zum Tiefseebergbau

Hans-Peter Damian (Umweltbundesamt) – Auf dem Weg zum Deep Sea Mining Code? Verhandlungen bei der Internationalen Meeresbodenbehörde

 

Video mit Einblicken zum Fachgespräch:

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