Rettung des Bialowieza – Besuch vor Ort

Abholzungen im Naturschutzgebiet Bialowieza.

In der vergangenen Woche habe ich mich in Polen mit Umweltorganisationen und Aktivist*innen getroffen, die für den Erhalt des Bialowieza Waldes kämpfen. Der Bialowieza gilt als einer der letzten Urwälder Europas und liegt im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland. Mit rund 20.000 Tierarten und den mit bis zu 50 Metern höchsten Bäumen Europas, gilt der Bialowieza als eine Schatzkammer der Artenvielfalt. Selbst Wisente – das sogenannte europäische Bison – sind heimisch in diesem besonderen Urwald.

Doch der Wald ist bedroht. Die polnische Regierung hat im März 2016 eine Verordnung erlassen, welche die Abholzungen im Bialowieza Wald um das Dreifache erhöht und unter dem Vorwand der Bekämpfung des Borkenkäfers auch Bäume in Naturschutzgebieten zur Abholzung freigibt. Seitdem regt sich der Protest von lokalen und internationalen Naturschützer*innen. Ich habe in der letzten Woche einige von Ihnen in Warschau und Bialowieza getroffen. Beeindruckende Menschen, die die Abholzungen dieses einzigartigen Waldes nicht hinnehmen wollen und für seinen Erhalt kämpfen.

Da der Wald auch mehrere Natura 2000 Naturschutzgebiete beherbergt, hat im Juli 2017 auch die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Eine Einstweilige Anordnung zum Stopp der Abholzungen wurde durchgesetzt um die irreversible Schädigung der Lebensräume des Natura-2000-Gebietes zu verhindern.

In der polnischen Regierung haben diese juristischen Mittel jedoch keinen Effekt erzielt, die Abholzungen gehen auch im August 2017 weiter wie bisher. Mit „Erntemaschinen“ werden täglich bis zu 200 Bäume gefällt. Von der Wucht dieser Maschinen konnte ich mich diese Woche selbst überzeugen, metertiefe Spuren im Boden finden sich überall dort, wo die zerstörerischen „Erntemaschinen“ eingesetzt wurden. Es ist kaum Vorstellbar, wie viel Schaden diese Maschinen für das Ökosystem im Boden anrichten. Auch die Wissenschaftler am Biologischen Institut in Bialowieza teilen diese Sorge. Sie berichten von zahlreichen Einflüssen der Abholzungen auf die Diversität der Flora und Fauna im gesamten Wald. Ein genaues Ausmaß der Schäden lässt sich jedoch erst im Frühjahr erahnen.

Die Furchen der zerstörerischen Erntemaschinen sind im Winter zugefroren und teilweise metertief.

Aufgrund der Tatsache das Polen die Abholzungen trotz Anordnung im September 2017 nicht stoppt, beantragt die Kommission im ein Zwangsgeld aufzuerlegen. Am 20. November 2017 beschließt der Gerichtshof ein solches Zwangsgeld in Höhe von 100.000 € pro Tag bei nicht-Einhaltung des Abholzungsstopp. Ein starkes Urteil, das wirkt: Die Naturschützer*innen vor Ort berichten mir, dass seit November 2017 keine Abholzungen im großen Stile mehr stattfinden.  

Was jedoch weiterhin stattfindet und auch überall am Wegesrand zu sehen ist, sind Abholzungen zur „Bewahrung der öffentlichen Sicherheit“. Es ist jedoch absurd, wie viele gesunde Bäume am Straßenrand liegen, während wir durch den Wald fahren.

Völlig gesunde Bäume am Wegesrand gefällt – zum Zweck der „öffentlichen Sicherheit“.

Am Dienstag den 20. Februar wird nun der Generalanwalt sein Schlussplädoyer vortragen und in den kommenden Wochen wird es zum Urteilsspruch kommen. Alle Gesprächspartner*innen auf meiner Reise sind sich einig: dieses Urteil wird Präzedenzwirkung haben. Es geht nicht nur um den Schutz dieses Einzigartigen Urwalds, es geht um die Zukunft des Europäischen Naturschutzrechts.

Werden wir es in Zukunft zulassen, dass kurzfristige Profitinteressen von wenigen, die Artenvielfalt unserer Wälder und anderer Naturlandschaften dauerhaft bedrohen? Die Naturschützer*innen in Bialowieza und wir Grüne sind uns einig, dass wir ein starkes und wirksames Naturschutzrecht in Europa verteidigen und umsetzen müssen.

„Ich bin über 100 Jahre alt“

 

„Ich atme nicht mehr für dich“

mit Naturschützern vor Ort

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