Ein ganzes Jahr? Ein ganzes Jahr! – Mein FSJ Politik bei Steffi Lemke

20160901_113338Ein ganzes Jahr?

Glauben kann ich es selbst noch nicht so wirklich, aber ein Blick in den Kalender verrät:
Heute geht mein FSJ zu Ende, ich habe Steffi Lemke und ihr Team ein ganzes Jahr begleitet. Damit geht ein Jahr zu Ende, das an vielen Stellen definitiv anders war als erwartet, aber doch so, wie ich es gehofft habe: Mittendrin im Bundestag, mittendrin in echter Politik. Und was für ein Jahr!

 

Heißt: Ich musste zum Glück nicht ein ganzes Jahr Kaffee kochen und kopieren, sondern war wirklich mittendrin. Ich konnte meine Ideen, meinen Stil einbringen und wurde stets respektiert, gerade im zweiten Halbjahr hat mir das Büro viel zugetraut. Das sieht man wohl auch daran, dass ich so manches Mal zum Feierabend durch unsere Büroleiterin regelrecht „rausgeschmissen“ werden musste. Natürlich gab es in Sitzungswochen auch Zeitdruck und Überstunden, aber: Ich wollte Politik kennenlernen – und Stress gehört definitiv dazu.

Ich habe viel darüber gelernt, wie Politik tatsächlich funktioniert: Ich verstand dadurch, nicht nur politisch zu denken, sondern auch, WIE man politisch wirkt. Politik ist eben viel mehr als Talkshows, Plenarsitzungen und Abstimmungen. Das, was nach außen dringt, ist nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert. Hinter jedem Papier und jeder Drucksache stehen unzählige Stunden Arbeit: Von der Idee über erste Entwürfe, fachliche Recherchen, Meinungsbildungs- und Abstimmungsverfahren bis zur Einbringung in den Bundestag und seine Ausschüsse. Politik ist viel tiefgründiger, als sie in den Medien aufschlägt. House of Cards ist zwar schon Politik, aber Politik ist (zum Glück?) nicht ganz (oder nur selten) so wie House of Cards. Ich habe aber auch gelernt, dass Politik manchmal ganz schön langsam und detailversessen sein kann, um jeden Halbsatz wird gerungen. Soll sagen: Natürlich geht es uns darum, die Welt besser zu machen, aber das geht in der Politik nicht heute, nicht morgen und auch nächste Woche wird‘s eher knapp. Der Bundestag ist einfach auch eine große Behörde, der große Ruck passiert eher selten. Man kann nur in sehr kleinen und nervenaufreibenden Schritten vorankommen. Besonders in der Opposition: Anträge, in die das Team viel Arbeit gesteckt hat, werden einfach oft auch aus Prinzip von der GroKo niedergestimmt. Auch wenn das frustrierend ist, bewegt sich manchmal dann doch etwas: Immer wieder konnten wir die Bundesregierung ärgern und treiben. Es ist also gut und richtig, etwas zu tun.

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Außerdem lerne ich: Es gibt nicht „die“ Politik. Nach einem Jahr im Bundestag, blickt man ganz anders auf die Menschen in der Politik. Dann trifft man halt Jürgen Trittin auf dem Klo, spaziert mit Renate Künast durch den Tiergarten oder segelt mit Anton Hofreiter durch den Strelasund. Man stellt fest: Politiker sind Menschen. Das klingt vielleicht banal, aber es bringt tiefe Erkenntnisse, wenn man PolitikerInnen abseits der Kameras erlebt. Es verändert das Bild, das man von so manchem Charakter hatte. Ich persönlich habe vor allem durch die tägliche Arbeit noch einmal Respekt vor den Abgeordneten gewonnen: Jede und jeder bearbeitet eine Vielzahl von Themen und soll sich positionieren können, zu kleinen und großen Fragen. Das erfordert viel Arbeit und Wissen. Und so macht spätestens das Arbeiten im Bundestag gegenüber populistischen Tönen von „denen da oben, die nichts tun“ immun. Damit verteidige ich nicht alle Abgeordneten, es gibt natürlich auch Schlafmützen. Aber: Es geht auch anders.

Gar nicht gegangen wäre hingegen das FSJ ohne die ijgd. Ohne die Betreuung durch meinen Bildungsträger wäre das vergangene Jahr nicht so geworden, wie ich es erlebt habe. Die Seminarwochen waren immer und ausnahmslos ein absolutes Highlight. Aus der Seminargruppe sind Freundschaften entstanden, die noch weit über dieses Jahr hinausreichen werden; ich habe viele inspirierende und wunderbare Menschen kennengelernt, mit denen man sich über alles unterhalten konnte – nicht nur, aber eben auch über Politik.

Es war wichtig, dieses Jahr nicht nur im Büro zu verbringen, sondern auch Abwechslung zu haben. Diese Erlebnisse haben das FSJ zu mehr als nur einem Job oder Praktikum gemacht. Ein FSJ ohne Seminargruppe, ohne Bildungsträger? Unvorstellbar!

Auch persönlich lernt man in so einem Jahr ungemein:
39 Stunden arbeiten – Vollzeit-Job, was für eine neue (erwachsene) Erfahrung! Das unterschätzt man echt, wenn man den Schulalltag gewöhnt ist. Natürlich gab es da auch frustrierende Momente, gerade zu Beginn des FSJ, weil man viele Dinge einfach nicht kann und weiß und unglaublich viel auf uns einprasselt: Es steht dem King-of-the-World-Gefühl nach dem Abi ganz schön entgegen, wenn man plötzlich wieder von vorn anfängt. Aber man wächst in alles hinein – und inzwischen verlaufe ich mich nicht mehr in den Häusern und unterirdischen Gängen.

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Und ich ziehe auch eine ganz persönliche Lektion aus diesem Jahr: Nach dem Abiball stand ich plötzlich da, mein Zeugnis der vergangenen 12 Jahre in der Hand und – ja und jetzt? Meine Bewerbung für das FSJ Politik war spontan und so ziemlich aus einer Laune heraus. Politik? Super! Im Bundestag? Wollte ich doch eigentlich schon immer mal! Eigentlich, das habe ich allerdings erst später bemerkt, war es schon viel zu spät: Anfang Juli letzten Jahres habe ich zum ersten Mal von einem FSJ in der Politik gehört, Mitte Juli dann der erste Aufschlag bei den ijgd, Ende Juli dann das Bewerbungsgespräch im Büro von Steffi Lemke. Im August dann die Zusage, meine Entscheidung für das Büro und gegen weitere Bewerbungsgespräche vollkommen aus dem Bauch heraus. Dann der Papierkram, erster Arbeitstag war am 01.09. – im Nachhinein ganz schön wahnwitzig.

Daraus ziehe ich zwei Erkenntnisse:
1. Das nächste Mal früher nachdenken!
2. Ich hatte Glück. Und zwar ganz schön viel.

Erst im Nachhinein ist mir bewusst geworden, wie viele glückliche Zufälle zusammen gekommen waren, die mich in dieses FSJ und diese Einsatzstelle gebracht haben. Daraus lerne ich: Es kommt manchmal im Leben nicht unbedingt darauf an, einen perfekten Plan zu haben. Vielmehr ist für etwas wirklich Gutes oft einfach wichtig, Glück zu haben und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das FSJ war vollkommen unerwartet und ungeplant das Beste, das mir in dem Jahr passieren konnte. Es war absolut richtig, nicht gleich zu studieren, sondern bewusst ein Jahr aus dem Hamsterrad auszusteigen, allein schon wegen der tollen Menschen und Erfahrungen. Aber auch so war ein Innehalten gut, um zu verstehen: Wir gehen unseren Weg, auch wenn wir ihn vielleicht vorher noch nicht kennen.

Die Zeit im Büro von Steffi Lemke ist unglaublich schnell vergangen. Ich möchte Euch, Steffi, Meike, Katrin, Konstanze, Maria, Tilo und Olga sagen: DANKE! Danke für ein total geiles Jahr, in dem ich unglaublich viele Erfahrungen und Erlebnisse sammeln konnte. Danke für das Mitnehmen in diesen politischen Wahnsinn und danke, dass ich dieses Jahr bei Euch verbringen konnte: Danke für Sitzungswochen, Konferenzen, Bürobesprechungen mit Kuchen, Wahlpartys und Karaoke; danke für den Büroalltag mit Süßigkeiten. Danke für das Teamwork; danke, dass Ihr mir so viel vertraut und zugetraut habt, danke, dass ihr mich in dieses tolle Team so aufgenommen und eingebunden habt.
Danke für ein ganzes Jahr in der Politik.

Ein ganzes Jahr? Ein ganzes Jahr!

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— Franz Mönke, im September 2016

 

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