Interview mit mitmischen.de „Wie bei der Mafia“

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Beim illegalen Handel mit Wildtieren sterben nicht nur Elefanten und Flughunde, auch Wildhüter. Steffi Lemke, Sprecherin für Naturschutz der Grünen, über Schuppentiere, mafiöse Strukturen und warum ihr der Antrag der Koalition nicht weit genug geht.

Was kann Deutschland gegen Wilderei und Wildfänge tun? Schauplatz ist oft Afrika und die Abnehmer sitzen beispielsweise in Asien?

Man kann den Handel mit und die private Haltung von exotischen Wildtieren bundesweit einheitlich regeln. Dann sollte man die Einführung von Wildfängen in die Europäische Union verbieten und gewerbliche Tierbörsen mit exotischen Tieren untersagen.

Vielleicht kann man auch eine Liste erstellen mit Tieren, die gefangen werden dürfen, weil ihre Art nicht bedroht ist. Tiere, die in den Heimatländern geschützt sind, sollten nicht, wie bisher, in der EU verkauft werden dürfen. Dadurch würden Deutschland und die EU als Umschlagplatz wegfallen.

Auch kann man Gelder gezielter in den Herkunftsländern einsetzen und Perspektiven für Menschen schaffen, die vom Tierhandel leben. Es sitzen auch genügend Abnehmer in den europäischen Ländern. Das ist kein rein asiatisches Problem.

Im Grünen-Antrag steht: Deutschland ist ein Dreh- und Angelkreuz für den illegalen Handel. Sind wir das in besonderem Maße und wenn ja, warum?

Ich habe keinen Vergleich, ob der illegale Handel in Deutschland zahlenmäßig mehr ist als in anderen EU-Ländern. Wir besitzen aber mit Flughäfen wie Frankfurt und Häfen wie Hamburg internationale Umschlagplätze, an denen auch geschmuggelt wird. Die Funde selbst und ihre Bandbreite haben in den letzten Jahren zugenommen, da die Nachfrage steigt. Mit der Terraristika in Hamm, einer Messe für Terrarientiere, haben wir die größte Reptilienbörse der Welt. Die Messe ist dafür bekannt, dass in ihrem Dunstkreis der illegale Handel mit geschützten Arten floriert.

Warum hat Ihre Fraktion den Antrag auf die Eindämmung des illegalen Artenhandels und der Wilderei jetzt gestellt?

Der Antrag ist bereits älter. Er ist jetzt gemeinsam mit einem Antrag der Koalitionsfraktion behandelt worden. Seit dem Regierungsantritt der jetzigen Koalition ist nicht viel passiert, da wollten wir natürlich Druck ausüben. Auf eine Initiative der Grünen wurden drei Millionen Euro für verbesserten Wildtierschutz in den Haushalt eingestellt. Aber in der Frage, wie in Deutschland selbst der illegale Handel mit wildlebenden Tieren unterbunden werden kann, ist nicht viel geschehen.

Die wesentlichen Inhalte des Grünen-Antrags stehen grob auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Sie sagen, auf diesem Gebiet ist bisland nichts passiert – warum?

Hinter dem Geschäft mit Wildtierhandel stehen Interessensgruppen mit intensiver Lobbyarbeit. Die waren besonders von einem Passus im Koalitionsvertrag aufgeschreckt. In der Branche wird viel Geld umgesetzt. Deshalb ist aus meiner Sicht auch die Regierungskoalition eingeknickt. Auf internationaler und europäischer Ebene nimmt sie zwar eine Vorreiterrolle ein, aber beim notwendigen Handeln auf nationaler Ebene versagt sie. Außerdem ist unser Antrag weitreichender als der der Koalition. Diese wird nicht einmal ihrem Versprechen aus dem Koalitionsvertrag gerecht.

Welche Auswirkungen haben Wilderei und illegaler Artenhandel auf die Populationen, welche auf die Menschen vor Ort?

Schon die Entnahme von einzelnen geschützten Tieren kann die gesamte Population bedrohen. Niemand kontrolliert, ob ein Tier oder mehrere entnommen wurden, da das meistens illegal geschieht. Das bedroht die Artenvielfalt. Ein breites Artenspektrum ist betroffen, von Elefanten über Schuppentiere bis hin zu exotischen Vögeln.

Durch den illegalen Handel werden Korruption und Kriminalität gefördert. Laut den Vereinten Nationen sind Wilderei und illegaler Artenhandel eines der lukrativsten kriminellen Geschäfte. Der Sektor ist hochprofessionalisiert und gleicht mafiösen Strukturen. In den letzten zehn Jahren sind weltweit rund 1000 Wildhüter ermordet worden.

Inwieweit reichen die angestrebten Projekte in die Herkunftsländer der Tiere? Ist es überhaupt realistisch, dort etwas auszurichten?

Ja, wir brauchen dafür vielfältige Methoden. Zum einen müssen wir ein Bewusstsein für die Artenvielfalt und die Notwendigkeit ihres Schutzes schaffen, sowohl in Deutschland als auch international. Zudem muss man gegen Kriminalität besser vorgehen. Dafür brauchen vor allem die Herkunftsländer Unterstützung, sei es finanziell oder bei der Ausbildung von Polizeikräften. Wichtig ist außerdem, die Handelsplätze und die Handelsstrukturen lahmzulegen.

Über Steffi Lemke:
Steffi Lemke, geboren 1968, gehörte 1989 zu den Gründungsmitgliedern der Grünenpartei in der der DDR. Seit 2012 ist sie Sprecherin für Naturschutz der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Außerdem ist sie unter anderem stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Steffi Lemke hat Agrarwissenschaften studiert und lebt mit ihrer Familie in Dessau.

Das Interview erschien am 01.07.2016 bei mitmischen.de

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