Jubiläen sind große Chance

Interview mit Steffi Lemke in der Mitteldeutschen Zeitung vom 01.01.2015

Alexander Klaus / pixelio.de

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Frau Lemke, Sie sind die einzige grüne Bundestagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt. Ist das eher ein Fluch oder eher ein Segen?

Lemke: Das bedeutet vor allem mehr Arbeit, weil sich der Einsatz für Sachsen-Anhalt auf weniger Schultern verteilt und man sich in gewisser Weise für alle Teile des Landes zuständig fühlt. Bei den anderen Parteien können diese Aufgaben mehrere Abgeordnete wahrnehmen. Natürlich hat man dann das Gefühl, dass es nie reicht und man sich permanent zerteilen müsste.

Das heißt, Sie sind jetzt nicht nur in Dessau oder Wittenberg unterwegs, sondern werden auch aus anderen Teilen Sachsen-Anhalts angefragt.

Lemke: Natürlich. Ich versuche, das so gut wie möglich wahrzunehmen. Aber da meine Familie und ich nach wie vor in Dessau leben, bin ich natürlich in der raren Freizeit primär dort unterwegs und kriege von der örtlichen Politik dort auch mehr mit als von anderen Orten.

Kann es nicht auch sein, dass viele Ihrer Wähler denken, eine Grüne allein kann da in Berlin sowieso nichts ausrichten?

Lemke: Ich glaube eher, dass die Wählerinnen und Wähler aller Parteien sich fragen, welcher Abgeordnete für sie etwas ausrichten kann. Das Problem teilen die Kollegen von CDU, SPD und Linkspartei. Deshalb ist es wichtig, dass man immer ein offenes Ohr hat, und die Probleme, die sehr unterschiedlicher Natur sind, tatsächlich aufnimmt, ohne den Eindruck zu erwecken, man könne sie alle lösen. Das kann Politik nicht. Und das kann eine einzelne Angeordnete nicht. Entscheidungen über den Bundeshaushalt, Steuern, Auslandseinsätze der Bundeswehr oder Sterbebegleitung treiben im Übrigen nicht nur die Menschen in Sachsen-Anhalt um, sondern alle Bürger.

Was sind denn die Hauptprobleme, mit denen Sie aus Sachsen-Anhalt konfrontiert werden?

Lemke: Das Hauptproblem in Sachsen-Anhalt ist die mangelnde Finanzierung öffentlicher Infrastruktur – von Schulen, Hochschulen, Theater oder Nahverkehr. Also: Was kann der Staat noch leisten? Habe ich noch eine Schule oder einen Bahnanschluss in meinem Ort? Aber es gibt weiterhin auch die Frage nach Wirtschaftsentwicklung und Arbeitsplätzen.

Nun sind Sie ja hauptsächlich im Umweltausschuss aktiv. Wäre es da nicht besser, im Haushaltsausschuss zu sitzen?

Lemke: Man wählt ja den Ausschuss nicht nur danach aus, was man für das jeweilige Bundesland tun kann, sondern auch danach, wie die Probleme für die gesamte Bundesrepublik am besten gelöst werden können. Zudem geht es darum, was man persönlich besser oder schlechter beherrscht. Ich wäre zum Beispiel im Verteidigungsausschuss völlig deplatziert. Und die Frage, wie wir unseren Planeten für unsere Kinder und Enkel sichern, ist das Thema, das mich mit 18 Jahren in die Politik gebracht hat und mich bis zum Lebensende umtreiben wird.

In ihrer Umgebung stehen vor allem die Jubiläen ins Haus: 2017 500 Jahre Reformation, 2019 100 Jahre Bauhaus Dessau. Inwiefern prägt das Ihre Arbeit?

Lemke: Die Querelen um die Entlassung des Bauhaus Direktors haben mich in den letzten Monaten ziemlich umgetrieben. Ich halte es nach wie vor für einen schweren Fehler, dass man Philipp Oswalt rausgeschmissen hat, und setze nun sehr stark darauf, dass seine Nachfolgerin Claudia Perren die Unterstützung aller Beteiligten bekommt. Denn die beiden Jubiläen werden den Blick der Welt nach Anhalt-Wittenberg richten. Wir haben hier eine Verantwortung. Andererseits bieten sie eine große Chance für die Entwicklung von Tourismus und Wirtschaft. Diese Chance sollten wir nicht verschenken. Deshalb habe ich wenig Verständnis dafür, dass Bundes- und Landesregierung für die Verknüpfung zweier Ereignisse von Weltrang – Reformation und Moderne – auf 40 Kilometern so wenig tun.

Was müsste genau passieren?

Lemke: Ich glaube, dass es schon zu spät ist, die beiden Jubiläen noch in einem gut vorbereiteten gemeinsamen Konzept zu verbinden. Es geht jetzt darum, jeden Ort bestmöglich zu präsentieren. Für Dessau heißt das in erster Linie, das Bauhaus-Museum rechtzeitig fertig zu bekommen. Auch in Wittenberg müssen alle Institutionen rechtzeitig instand gesetzt werden. Und die Verkehrsinfrastruktur muss fit werden für den Touristenansturm.

Haben Sie zu den Themen eigentlich einen persönlichen Bezug. Oder engagieren Sie sich da, weil Sie sich engagieren müssen?

Lemke: Ich habe am Bauhaus meine Diplom-Arbeit geschrieben und in der dortigen Kneipe als Studentin gekellnert. In einer LPG bei Wittenberg habe ich meine Lehre gemacht und auf der Elbe bin ich im Sommer fast an jedem Wochenende mit dem Paddelboot unterwegs. Hier sind Freunde, Familie und meine Heimat.

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