Gastbeitrag von Steffi Lemke in der Magdeburger Volksstimme, 05.03.2010
In der anhaltenden Diskussion um den „Diktaturvergleich“ hat sich auch die Politische Bundesgeschäftsführerin von Bündnis 90/Die Grünen zu Wort gemeldet. Steffi Lemke aus Dessau-Roßlau meint:
Wenn ein Streit lauter wird, hilft es, sich das Thema noch einmal bewusst zu machen. Dazu möchte ich auch alle Beteiligten in der aktuellen Auseinandersetzung um die Veranstaltung im „Roten Ochsen“ einladen. Niemand hat versucht, die Freiheit der Wissenschaft zu begrenzen. Die Kritik richtet sich nicht an ein historisches Forschungsprojekt – sondern an eine Lehrerfortbildung, auf der Wissen vermittelt werden soll. Das Konzept der Veranstaltung erhebt selbst gar nicht den Anspruch, verschiedene Diktaturen objektiv zu vergleichen. Unter den einleitenden Worten „es ist nötig, den Blick nach rechts als auch nach links zu richten“ wird geworben für
eine Veranstaltung, deren „historischer Bezugspunkt (..) das wiedervereinigte Deutschland seit 1990“ ist.
Ganze 30 Minuten des zweitägigen Seminars haben den Vergleich von DDR und Nazi-Deutschland zum Inhalt. Der größte Teil des Seminars verfolgt das Ziel, Rechts- und Linksextremismus gleichzubehandeln. Die kurze historische Rückschau dient letztendlich der wissenschaftlichen Verbrämung dieser politischen Zielstellung.
30 Minuten für einen Vergleich reichen nicht Wer in 30 Minuten die DDR und das Deutschland von 1932-1945 vergleichen will, verharmlost auf unerträgliche Weise eine Diktatur, die mit Millionen Toten, mit Menschenhass und Holocaust, mit Schmerz und Leid die ganze Welt überzog. Wer so tut, als ob Rechts- und Linksextremismus im Hier und Heute zwei Seiten der gleichen Medaille sind, negiert die brutale Wirklichkeit des Neonazismus. Über 140 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 sprechen eine klare und blutige Sprache.
Aber diese Denkschule ist amtliches Handeln der Bundesregierung: Im schwarz-gelben Koalitionsvertrag werden Rechts- und Linksextremismus und Islamismus in den gleichen Topf geworfen. Die zuständige Ministerin Schröder ist eine klare Verfechterin eben dieser Extremismustheorie, die kein Rechts und Links mehr kennen will. Rechtsextremismus wird damit zu einem Problem extremer Randgruppierungen umdeklariert, während die NPD in der ostdeutschen Realität inzwischen in zwei Landtagen und einer Vielzahl von Gemeinderäten sitzt.
Ich habe ganz sicher keinen getrübten Blick auf die DDR, die 1989 durch den Mut der Menschen, auf die Straße zu gehen, untergegangen ist und deren menschenverachtendes System schon zu oft in Vergessenheit zu geraten droht. Aber das Eine tun, ohne das Andere zu lassen – das ist wichtiger denn je. Gerade aus der Verantwortung des Herbstes ’89 heraus sollten wir uns gemeinsam den realen Feinden von Freiheit und Demokratie – den Nazis – entgegenstellen.
Eine Ansicht des Original-Artikels finden Sie hier: Gastbeitrag Steffi Lemke Volksstimme 05.03.2010
Der MDR berichtete am u.a. am 05.03.2010
Die Volksstimme ebenfalls dazu am 05.03.2010
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