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02Jul

Das Triebwerk läuft an

Artikel auf suedkurier.de und in der Printausgabe des Darmstädter Echos:

Als Joschka Fischer noch Außenminister und grünes Zugpferd im Wahlkampf war, pflegte er in einem komfortablen Reisebus durch die Republik zu touren, um der Partei die nötigen Stimmen zu bescheren. Rund 14 000 Kilometer hatte Fischer auf diese Weise noch beim letzten Bundestagswahlkampf im Jahr 2005 zurückgelegt. Damit ist es jetzt vorbei. Die Partei muss mit weniger populärem Personal auskommen. Doch nicht nur deshalb wird sich grüner Wahlkampf von Marktplätzen und anderen Großveranstaltungen diesmal eher fernhalten. Wahlkampfleiterin Steffi Lemke spricht von einer „Gleichzeitigkeit der Prozesse“.

Fischer sei nicht mehr da, parallel dazu hätten sich „andere Kommunikationsformen“ herausgebildet. „Online-Orientierung“ und „Dialog-Marketing“ heißen die Zauberworte.

Im „Triebwerk“, der grünen Wahlkampfzentrale in Berlin-Mitte, wird die Zeitenwende sichtbar. Rund 20 Mitarbeiter brüten hier auf zwei Etagen über Protestaktionen, Feindbeobachtung, Internet-Auftritten und Touren-Planungen. Zwölf-Stunden-Arbeitstage sind normal. Steffi Lemke, 1968 in Dessau geboren, weiß, wie Wahlkampf geht. Zwischen 1994 und 2002 saß sie für die Grünen im Bundestag. Danach wurde Lemke Bundesgeschäftsführerin der Partei. Als Wahlkampfleiterin ist es ihre zweite Bundestagswahl.

Auf einer großen Deutschland-Karte im „Triebwerk“ stecken zahlreiche kleine Fähnchen. Die gelben und blauen stehen für die beiden Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin. Die roten und grünen symbolisieren die Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir. So weiß jeder, wo sie oder er bis zum 27. September in der Republik gastiert. Offizieller Tourstart ist der 17. August. Bei der Gestaltung der einzelnen Termine kennt die grüne Phantasie kaum Grenzen. „Das kann ein Gastauftritt bei einer Bürgerinitiative sein, aber auch ein öffentliches Kaffeetrinken in der Fußgängerzone“, erzählt Lemke. Man müsse dorthin gehen, wo die Menschen ein Anliegen hätten, „anstatt darauf zu setzen, dass sie zu uns kommen“. Und wie kam es zur jeweiligen Farbe für Künast & Co? „Die wurden ausgewürfelt. Schwarz haben wir bewusst weggelassen“, versichert Lemke augenzwinkernd. Ein Bündnis mit der Union soll nicht mal für die Optik taugen. „Unsere Wähler wissen, dass es mit der Regierungsbildung schwierig wird“, sagt Lemke.

Eine zentrale Rolle in der Kampagne spielt naturgemäß das Internet. Umfragen besagen, dass sich gerade grüne Anhänger sehr häufig im virtuellen Raum tummeln. „Der reine Internetauftritt der Parteien ist immer weniger bedeutsam“, analysiert Lemke. „Dafür haben die Communities klar an Einfluss gewonnen“. Auf solche Internet-Gemeinden setzen im Wahlkampf alle Parteien. Die Grünen ganz besonders. Ihre Homepage (gruene. de) hält dazu eine Plattform mit dem Namen „Meine Kampagne“ bereit. Hier werden Sympathisanten auf vielfältige Weise zum Mitmachen animiert. Wer sich für ein bestimmtes Thema interessiert, kann Aktionen organisieren oder über andere Internet-Portale wie „Facebook“ für die Grünen werben. Binnen wenigen Wochen ließen sich 2000 Personen registrieren. Die Grünen haben mit dem Internet schon im Europawahlkampf sehr gute Erfahrungen gesammelt. Auf ihrer Webseite konnte man auf eigene Rechnung sogar Großflächenplakate buchen. Das spart den Grünen nicht nur Geld. Durch die Aktion wurde die Zahl der grünen Großflächenplakate bundesweit auf etwa 600 verdoppelt. Dieses Beispiel soll auch bei der Bundestagswahl Schule machen.

Für den Urnengang am 27. September wird es insgesamt 14 zentrale Plakatmotive geben. Vier Einzelaufnahmen von den Spitzenkandidaten und Parteichefs und zehn inhaltliche Motive. Die Plakate sollen am 8. Juli der Öffentlichkeit präsentiert werden. Verantwortlich für die Motivgestaltung ist die Berliner PR-Agentur „Zum Goldenen Hirschen“, die schon für den „Wums“ bei der Europawahl gesorgt hatte. Unter diesem Kürzel firmierte der grüne Anspruch „Wirtschaft, Umwelt, menschlich und sozial“. Damit wurden die Grünen immerhin drittstärkste Partei im Land.

Lemke selbst hatte sich vergeblich für einen aussichtsreichen Listenplatz bei der Bundestagswahl beworben. Doch das scheint Lemke wenig zu bekümmern. „Ich habe den besten Job, den diese Partei im Moment zu vergeben hat“, sagt sie und schaut auf eine Säule, an der eine grüne Leiste aufgemalt ist. „27. September“ ist ganz oben zu lesen und „72 h Wahlkampf“.

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Verfasst am 02.07.2009 um 16:11 Uhr von .
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