Holger Thiel befasst sich in seinem Beitrag für die “Volksstimme” mit den Demonstrationen gegen den Castor-Transport nach Gorleben:
Polizeialarm gestern in Sachsen-Anhalt. Die Einsatzkräfte für den Castor-Transport im Wendland mussten verstärkt werden. Gleich zwei große Sitzblockaden versperrten gestern Nachmittag den Weg der elf Castoren. Die Stimmung im Wendland war hocherhitzt. Mittendrin rund 350 Bereitschaftspolizisten und etliche Demonstranten aus Sachsen-Anhalt.
Dannenberg. “Bitte warten Sie. Wir brauchen das Okay.” Im Wendland ist derzeit alles anders. Das muss sogar Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD) beim Besuch der Bereitschaftspolizisten aus Sachsen-Anhalt in Dannenberg spüren.
Am Beeser Weg, Codewort “Sägewerk”, sind die 350 Frauen und Männer untergebracht. Ein Containerdorf unmittelbar ab Castor-Verladebahnhof. Die elf Castoren werden dort auf Schwerlasttransporter umgeladen. Doch am Sicherheitspersonal der Wache kommen Erben und Ministerialrat Gerlad Stöter, Referatsleiter Polizeilicher Einsatz/Verkehr, nicht ohne Weiteres vorbei. Polizeikommissarin Eva Dobrick – es ist ihr dritter Castor-Einsatz – nimmt beide Männer in Empfang. Dann grünes Licht. Die drei können endlich zu den Einsatzkräften. Im Wendland ist derzeit alles anders.
Rüdiger Erben hatte bereits beim Transport 2008 die Einsatzkräfte aus Sachsen-Anhalt samt ihrer damaligen Unterkunft am Erkundungsbergwerk Gorleben besucht. “Es ist besser, sich selber ein Bild zu machen”, so Erben. Doch nicht nur das. Er will den Frauen und Männern den Rücken stärken. “Das ist einer der schwersten und kompliziertesten Einsätze. Die Polizei muss im Wendland den gesellschaftlichen Konflikt austragen. Die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke geht auf die Knochen der Polizei”, erklärt der Staatssekretär. Sogar der “normalen”.
So bereiten sich gestern im Polizeirevier Salzwedel Männer und Frauen auf den Einsatz in Gorleben vor. Niedersachsen hatte Stunden zuvor um mehr Einsatzkräfte gebeten. Daraufhin ist in Sachsen-Anhalt Polizeialarm ausgelöst worden. Den kürzesten Weg werden die Salzwedeler haben. Gorleben ist lediglich 35 Kilometer von der altmärkischen Kreisstadt entfernt. Altmärker demonstrieren an diesem Wochenende auch gegen die Atompolitik der Bundesregierung und gegen ein Endlager Gorleben. Nicht nur mit Blockaden. In Gusborn kochen sie Suppe für die Atomkraftgegner – in einer ehemaligen mobilen Polizeiküche.
Unter den Demonstranten ist auch die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke aus Dessau. Sie nimmt zeitweise an einer großen Straßen-Sitzblockade vor dem Zwischenlager Gorleben teil. Anschließend will sie Atomkraftgegner noch bei verschiedenen Aktionen begleiten. “Wir Grünen haben nicht zu Straftaten aufgerufen. Ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass die Polizei sich zurückhaltend verhält”, erklärt die Dessauerin. Für sie hat der Widerstand im Wendland eine neue Qualität und eine neue Quantität erhalten. Quantität, weil am Sonnabend bis zu 50 000 Menschen an der Protestkundgebung bei Dannenberg teilgenommen haben.
Die größte Demonstration im Wendland seit 33 Jahren, für die allein 400 Reisebusse angemeldet waren. Qualität, weil jetzt junge Menschen protestieren, die die Anfänge der Anti-Atombewegung nur vom Erzählen kennen. “Es sitzen mehrere Generationen auf der Straße”, sagt Steffi Lemke. Doch nicht nur das. Mit dem Brechen des Atomkonsens zu Ungunsten der erneuerbaren Energien seien gesellschaftliche Kräfte mobilisiert worden, die sich bis dato am Widerstand der Wendländer nicht beteiligt haben. Steffi Lemke will ebenso wie die kochenden Altmärker so lange wie möglich im Wendland bleiben. “Und wenn wir drei Wochen Suppe kochen müssen”, sagt Uta Thiel aus Salzwedel. Im Wendland ist eben derzeit alles anders.
Den Artikel im Originalzusammenhang gibt es hier.





@SteffiLemke auf Twitter folgen

Bislang wurde kein Kommentar hinterlassen. Du kannst hier einen Kommtenar schreiben.
Hier ist die TrackBack URL und der Kommentar-Feed des Artikels. Du kannst den Artikel auch auf Twitter oder Facebook posten.